Impfen in der Schwangerschaft – Schutz für Mutter und Kind
Impfungen gelten als die wichtigste Präventionsmaßnahme der modernen Medizin. Niedergelassene Ärzt:innen, insbesondere Hausärzt:innen, Kinder- und Jugendärzt:innen sowie Gynäkolog:innen spielen eine zentrale Rolle bei ihrer Umsetzung. Diese Bedeutung wurde auch im Rahmen des diesjährigen Fortbildungskongresses (FOKO) des Berufsverbands der Frauenärzte unterstrichen. In ihren Vorträgen hoben Prof. Michael Abou-Dakn (Ärztlicher Direktor und Chefarzt Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, St. Joseph Krankenhaus Berlin-Tempelhof) und Dr. Stephan Lupp (Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, Frauenärztliche Gemeinschaftspraxis Bruchsal) hervor, welchen entscheidenden Beitrag niedergelassene Ärzt:innen zur Impfprävention, insbesondere in der Schwangerschaft, leisten und wie durch effiziente Praxisorganisation das Impfen gut in den Praxisalltag integriert werden kann.
Schutz für Mutter und Kind durch maternale Immunisierung
Für Totimpfstoffe wie gegen Pertussis, Influenza, Tetanus, Diphtherie sowie Hepatitis A und B stellt eine Schwangerschaft keine Kontraindikation dar. Impfungen gegen Influenza, Pertussis oder Covid-19 werden von der Ständigen Impfkommission (STIKO) sogar ausdrücklich empfohlen. Besonders die Impfung gegen Pertussis spielt eine wichtige Rolle zum Schutz des Neugeborenen und ist daher ein fester Vorsorgebaustein im Mutterpass. Gerade Säuglinge tragen ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf und schwerwiegende Pertussis-assoziierte Komplikationen wie Apnoen und Pneumonien (1). Rund 93% der erkrankten Säuglinge unter 3 Monaten müssen stationär behandelt werden (2), und etwa 75% der Pertussis-assoziierten Todesfälle treten in dieser Altersgruppe auf (3). Säuglinge können erst ab dem vollendeten 2. Lebensmonat mit der 6-fach-Impfung gegen Keuchhusten geimpft werden und bauen in den folgenden Monaten nach und nach einen eigenen Impfschutz auf – bis dahin besteht eine Schutzlücke. Die maternale Immunisierung kann diese Lücke durch den Nestschutz mittels Leihantikörpern der Mutter schließen und das Risiko einer Pertussis-Erkrankung samt schwerwiegendem Verlauf mindern (4).
Impfempfehlungen der STIKO zur Pertussis-Impfung in der Schwangerschaft
Die STIKO empfiehlt seit März 2020 eine Pertussis-Impfung für Schwangere mit einem Tdap-Kombinationsimpfstoff, um den Schutz von Neugeborenen zu gewährleisten (5). Die Impfung sollte zu Beginn des 3. Trimenons (28. bis 32. Schwangerschaftswoche) und in jeder Schwangerschaft unabhängig von vorigen Impfungen erfolgen. In Fällen erhöhter Frühgeburtsgefahr wird empfohlen, die Impfung bereits im 2. Trimenon vorzunehmen. Zusätzlich empfiehlt es sich, den Pertussis-Impfstatus des Umfelds zu prüfen – vom werdenden Vater bis zu den Großeltern. Bei engen Haushaltskontaktpersonen sollte die Impfung spätestens 4 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin vorgenommen werden, sofern diese in den letzten 10 Jahren keine Auffrischimpfung erhalten haben (6). Studien zeigen, dass die maternale Pertussis-Impfung bei Säuglingen unter 2 bzw. 3 Monaten eine Impfwirksamkeit von über 90% erreicht, wobei Pertussis-bedingte Todesfälle in 95% der Fälle verhindert werden konnten (5).
Verbesserung der Impfquoten durch optimierte Praxisorganisation
Der Schutz vor Pertussis ist nicht nur für werdende Mütter und das Umfeld von Neugeborenen relevant. Die STIKO empfiehlt allen Erwachsenen eine einmalige Auffrischimpfung gegen Pertussis, in Kombination mit Tetanus, Diphtherie und ggf. Polio. Auch ältere Patient:innen sollten aufgrund der einsetzenden Immunoseneszenz und ggf. chronischer Erkrankungen berücksichtigt werden (6). Sie sind gefährdeter für zahlreiche Infektionen und schwerwiegende Komplikationen. Mit steigendem Alter nimmt auch das Risiko eines Herpes zoster zu, ausgelöst durch eine Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus. Über 95% der Erwachsenen in Deutschland haben in der Kindheit eine Windpockenerkrankung durchgemacht und sind deshalb gefährdet, Jahre später an einer Gürtelrose zu erkranken (7).
Besonders bei Erwachsenen ab 60 Jahren und Risikopatient:innen (bspw. mit Diabetes, Asthma oder COPD) sind die aktuellen Impfquoten jedoch unzureichend (8, 9). Es empfiehlt sich, den Impfstatus bei jeder Vorsorgeuntersuchung zu überprüfen, erfolgte Impfungen sofort zu dokumentieren und EDV-gestützte Erinnerungen oder Recall-Systeme zur Nachverfolgung ausstehender Impfungen zu nutzen. Die ausgebildeten Impfassistent:innen können Patient:innen aktiv auffordern, ihre Impfausweise mitzubringen, sie können Risikopatient:innen über anstehende Impfungen informieren sowie Informationsmaterial bereitstellen. Zugleich können sie die richtige und ausreichende Lagerung des Impfstoffes sicherstellen. Diese Maßnahmen helfen, Impfungen effizient in den Praxisalltag zu integrieren und die Impfquoten zu verbessern.
Quelle:GlaxoSmithKline
Literatur:
- (1)
National Notifiable Diseases Surveillance System, 2004–2014. Division of Integrated Surveillance Systems and Services, National Center for Public Health Informatics, Coordinating Center for Health Information and Service, Centers for Disease Control and Prevention, U.S. Department of Health and Human Services, Atlanta, GA 30333.
- (2)
Campbell H et al. Emerg Infect Dis 2012;18(1):38–48. doi: 10.3201/eid1801.110784
- (3)
Centers of Disease Control and Prevention, 2012. Final pertussis surveillance report. Abrufbar unter: https://stacks.cdc.gov/view/cdc/140470/cdc_140470_DS1.pdf (zuletzt aufgerufen am: 03.04.25)
- (4)
Chu HY & Englund JA Clin Infect Dis 2014;59:560–568. doi: 10.1093/cid/ciu327
- (5)
- (6)
RKI Ratgeber Pertussis. Abrufbar unter: https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_Pertussis.html?nn=16777040#doc16804186bodyText22 (zuletzt aufgerufen am: 03.04.25)
- (7)
Wutzler et al. Vaccine 2001;20(1-2):121-4. doi: 10.1016/s0264-410x(01)00276-6
- (8)
- (9)
RKI VacMap – Dashboard zum Impfgeschehen in Deutschland. Abrufbar unter: https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Impfquoten/VacMap/vacmap.html (zuletzt aufgerufen am: 03.04.25)