Morbus Still bei Erwachsenen: Sollten biologische DMARDs als Erstlinientherapie eingesetzt werden?
David Meier M.Sc.Die Wirksamkeit biologischer krankheitsmodifizierender Antirheumatika (DMARDs) wie Anakinra, Canakinumab und Tocilizumab als Erstlinientherapie des Morbus Still bei Erwachsenen (AOSD; adult-onset Still's disease) war bislang unzureichend untersucht. Bisherige Therapieempfehlungen basieren überwiegend auf Daten aus pädiatrischen Studien. In einer aktuellen Studie wurde die Effektivität einer Erstlinientherapie mit biologischen DMARDs im Vergleich zu konventionellen synthetischen DMARDs (csDMARDs) bei AOSD untersucht.
Studiendesign: Multizentrische Analyse aus Deutschland
Die Studie wurde an 16 rheumatologischen Zentren in Deutschland durchgeführt. Eingeschlossen wurden erwachsene Patient:innen mit AOSD, die die Yamaguchi-Klassifikationskriterien erfüllten und bei denen eine aktive Erkrankung ohne laufende Therapie vorlag. Die Teilnehmenden erhielten entweder eine Erstlinientherapie mit biologischen DMARDs oder mit csDMARDs (Methotrexat oder Glukokortikoiden). Primärer Endpunkt war eine anhaltende, komplikationsfreie Remission über 72 Wochen. Zur Minimierung von Verzerrungen wurde eine Propensity-Score-gewichtete Analyse durchgeführt, die Unterschiede in Alter, Geschlecht, Pouchot-Score und Ferritinspiegel berücksichtigte.
Höhere Remissionsrate unter Biologika
Zwischen Januar 2007 und September 2022 wurden insgesamt 228 Patient:innen gescreent, von denen 86 die Einschlusskriterien erfüllten. Davon erhielten 44 (51%) eine Erstlinientherapie mit biologischen DMARDs und 42 (49%) mit csDMARDs. Das durchschnittliche Alter lag bei 39,4 Jahren, 58% der Teilnehmenden waren weiblich. In der Gruppe mit biologischen DMARDs erreichten 50% der Patient:innen eine anhaltende, komplikationsfreie Remission nach 72 Wochen, verglichen mit nur 12% in der csDMARD-Gruppe. Die Odds Ratio für das Erreichen des primären Endpunkts lag bei 7,20 (95%-KI 2,50–36,64; p=0,0007) zugunsten der Biologika-Gruppe.
Weniger Komplikationen unter Biologika-Therapie
Neben der höheren Remissionsrate traten in der Gruppe mit biologischen DMARDs auch weniger Komplikationen auf. In der csDMARD-Gruppe wurden Glukokortikoid-assoziierte Komplikationen wie neu auftretende arterielle Hypertonie (n=2) und Hauterkrankungen (n=3) beobachtet, während solche Ereignisse in der Biologika-Gruppe nicht auftraten. Zudem verstarben 3 Patient:innen in der csDMARD-Gruppe (2 aufgrund eines Makrophagenaktivierungssyndroms, eine Person aus unbekannter Ursache); in der Biologika-Gruppe kam es zu keinem Todesfall.
Geringerer Glukokortikoidbedarf bei Biologika
Patient:innen in der Biologika-Gruppe konnten die Glukokortikoidtherapie häufiger reduzieren oder ganz beenden. Nach 72 Wochen benötigten 74% der Biologika-Gruppe keine Glukokortikoide mehr, im Vergleich zu 44% der csDMARD-Gruppe. Auch die kumulative Dosis an Glukokortikoiden war in der Biologika-Gruppe geringer.
Biologika bieten Vorteile als Erstlinientherapie bei AOSD
Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass eine Erstlinientherapie mit biologischen DMARDs bei AOSD mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine anhaltende, komplikationsfreie Remission und weniger Nebenwirkungen assoziiert ist als eine Therapie mit konventionellen synthetischen DMARDs. Diese Daten liefern wichtige Erkenntnisse zur Therapieoptimierung bei dieser seltenen Erkrankung und können künftige Therapieempfehlungen sowie die Planung randomisierter Studien unterstützen.
Quelle:Kernder Anna et al. (2025) First-line biological versus conventional synthetic disease-modifying antirheumatic drug therapy in adult-onset Still's disease: a multicentre, retrospective, propensity weighted cohort study, The Lancet Rheumatology, DOI: 10.1016/S2665-9913(25)00023-2.